Im Stadion

Der FC Bologna ist sowas wie Lokomotive Leipzig: Er passt qualitativ nicht zur Stadt. Man verleugnet ihn gern und hofft, er möge entweder irgendwann zu Ruhm und Ehre kommen oder sich einfach freiwillig auflösen (im Gegensatz zu Leipzig hat man hier außerdem zwei sehr erfolgreiche Basketballteams, auf die man sich konzentrieren kann). Während Lok Leipzig in irgendeiner Regionalliga dümpelt, hat es der hießige Klub zumindest in die Seria B geschafft - die allerdings ist im Jahresbudget mit den teutonischen Viertligisten vergleichbar. Und noch eine weitere Gemeinsamkeit besteht: Das Stadion ist bekannt als Treffpunkt der Ultras, Leipzigs und Bolognas rassistische Fanblocks sind weithin gefürchtet. So weit, so gut.

Dementsprechend sind die Sicherheitsvorkehrungen am Stadioneingang relativ radikal. Mein Pass wurde so oft kontrolliert, wie bei allen Grenzübertritten dieses Jahr zusammengerechnet. Man sollte meinen, eine Gruppe aus zwei Norwegern, einem Finnen, einer Irin, einer Ungarin, zweier Deutschen, einer Österreicherin, einem Holländers und einem Schotten sei nicht der Prototyp einer faschistischen Schlägergemeinschaft. Aber sicher ist sicher: Es dauerte fünf Minuten, bis der bullige Eingangskontrolleur überzeugt war, dass ich mit meinen zuckerfreien Karamellbonbons niemanden zu bewerfen im Sinn hatte, und der Schotte musste seine Kamera zweimal auseinanderbauen, um die Abwesenheit toxischer Substanzen oder geschickt minimierter Feuerwerkskörper zu beweisen. Dann: waren wir drin.

Dort: war es lustig. Das Stadion hat etwas vom Amphitheater, aber mehr das Alter als die Imposanz. Wir stießen auf Verrückte, die Fahnen verteilten, sie gaben uns welche, wir schwenkten, sie fragten, woher wir kämen, wir sagten es der Reihe nach, sie waren begeistert. In der Folge mussten wir Fußballvokabeln aus unseren jeweiligen Landessprachen in die bolognesischen Fangesänge einbauen. Je nach Spielsituation übersetzte ich "Kommt schon" "Auf gehts" "Schieß" und "Kleine Drecksau". Man sang begeistert, unsere Ungarin ging zur Pause Vereinsschals kaufen. Die Gegentribüne bestand aus 15 Fans, die ihr Transparent schon nach zwanzig Minuten einrollten.

In der zweiten Halbzeit begann es zu regnen, was die Irin an die Stadionbesuche in der Heimat erinnerte, und den Rest daran, dass die Regenklamotten sicher zuhause im Warmen lagen. Die Verrückten verabschiedeten sich von uns und begannen, auf die Zäune zu klettern, weil sonst so wenig los war, und hinter uns brüllte ein Mann um die 120 "Ar-ra-tak-ko, Ar-ra-tak-ko!", aber niemand wusste, welche Sprache das sein könnte. Später fand der Holländer heraus, dass sein Bier ein alkoholfreies war und die einzigen Getränke mit Prozenten, die man im Stadion erwerben konnte, kleine Kaffeedösschen mit Whyski. Glücklicherweise brachen wir um diese Zeit bereits auf, denn er schien wild entschlossen, sich die entgangene Angetrunkenheit mit allen Mitteln nachträglich zu holen. Den Norwegern war mit einem Mal kalt, was uns alle irritierte, und die italienische Busgesellschaft reagierte auf die überhöhte Nachfrage an Fahrgästen mit der völligen Einstellung des Angebotes. Nur dem kulinarischen Instinkt der Österreicherin ist es geschuldet, dass wir um die Ecke eine Geheimtipp-Pizzeria fanden, in der man richtiges Bier verkaufte, und Pizza, und warme Plätze am Holzofen. Als wir danach gestärkt zusammen saßen, fragte noch irgendwer nach dem Ergebnis des Spiels.

21.10.07 00:28

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